Jedes Leben muss gedeutet und verstanden werden. Wir Menschen verlangen danach. Wir suchen immer nach dem Sinn des Ganzen. Deshalb werden wir immer das Erlebte interpretieren. Wir stellen es in einen Zusammenhang!
Was haben wir nicht in den letzten Wochen alles erlebt. Gewiss war es nicht so schlimm wie die Erlebnisse, die die Kriegsgeneration durchmachen musste. Aber es waren trotzdem Situationen und Ereignisse, die wir in unserem Leben noch nie so erlebt hatten. Wer hätte es sich vor einigen Monaten vorstellen können, dass das ganze öffentliche Leben so heruntergefahren wird und wir mit Mund-Nasenschutz unterwegs sind. Wie ordnen wir das nun ein? Wie können wir es interpretieren? Darüber müssen wir sprechen. Das geschieht oft zu wenig.

Als junger Pfarrer erzählte mir eine ältere Dame beim Hausbesuch - und der Schreck stand ihr noch im Gesicht - wie sie mit ihrem Fahrrad an diesem Morgen knapp einem Unfall mit einem Lkw entgangen ist. Sie beendete ihre Erzählung mit den Worten: „Das hätte mein Ende sein können, aber ich habe noch einmal Glück gehabt!“ Ist das so? Damals war ich leider nicht geistesgegenwärtig genug um sie zu fragen: „War das Glück oder Bewahrung?“

Man kann das Erlebnis ja so oder so interpretieren! Wird mir bewusst, dass ich bewahrt wurde, dann habe ich die Möglichkeit meinem Helfer zu danken. War es nur Glück, dann gibt es keinen Adressaten für meine Dankbarkeit. Dann war es Zufall oder Schicksal, jedenfalls nichts, was ich fassen könnte.
Viele von uns sind in den Wochen und Monaten der Pandemie bewahrt worden. Einfach Glück gehabt? Oder hat dich und mich unser guter Gott bewahrt? Ich kenne auch Menschen, die krank geworden sind, ja selbst einen jungen Mann, der gestorben ist. Warum ihn Gott jetzt schon zurückgerufen hat, weiß ich nicht. Dennoch oder gerade deshalb steht für mich fest, dass viele von uns Bewahrung erlebt haben! Wir wurden richtig gut bewahrt!

Wo bleibt aber die Dankbarkeit? Wenn unser guter Gott seine bewahrende Hand über uns gehalten hat, wäre es da nicht gut, wenn wir unseren Dank auch aussprechen würden? Warum machen das so Wenige? Das fehlt mir derzeit in unserem Land: Es wird viel gejammert, es sind viele Menschen mit Sorgen beladen, aber wenige leben im Bewusstsein der Dankbarkeit. Dankbarkeit würde so viel verändern! Ist nicht mein ganzes Leben ein einziges Geschenk. Ist es nicht großartig, dass Gott seine Hand über uns hält? Wer schon einmal am Abgrund stand, kann es sehr viel besser nachvollziehen, dass jeder Tag, den ich erleben darf, ein besonderes Geschenk meines Schöpfers ist. Ich darf ihn nützen, ich darf leben, ich darf gestalten, ich darf mit anderen zusammen sein, ich darf genießen, ich darf arbeiten und ich darf ruhen. Trotz mancher Einschränkungen ist uns so vieles geblieben, was wir tun können und dürfen. Vieles was unser Leben reich macht.

Und nun kommt etwas entscheidendes hinzu: Aus Dankbarkeit erwächst Hoffnung. Wenn ich heute die Güte Gottes erlebt habe, sollte es dann morgen anders sein? Kann ich nicht voller Hoffnung in die vor mir liegen den Tage gehen? Doch, ich darf, denn ich kann meinem Gott vertrauen.

Gottes Segen wünscht Ihnen Ihr Gemeindepfarrer Joachim Knab